Stuart Pigotts kleiner genialer Weinführer 2007

Über Stuart Pigott soll an dieser Stelle nicht viel gesagt werden, wer ihn kennt, mag ihn entweder, oder eben nicht. Hier soll es um eines seiner jüngsten Werke gehen, den Kleinen genialen Weinführer 2007. Kaum ein anderer auf vergleichbarem Niveau schreibender Weinliebhaber (die Bezeichnung Weinkritiker erscheint mir und scheinbar auch Mr. Pigott selbst nicht besonders zutreffend) kokettiert derart unverhohlen mit der Subjektivität seiner Einschätzungen. Das ist einerseits ein Nachteil, denn nicht jeder kann mit Bezeichnungen wie Breitleinwand-Geschmeidigkeit (Pago de los Capellanes, S. 30) oder Harley-Davidson des deutschen Rieslings (Gunderloch, S. 85) etwas anfangen. Andererseits wirkt die sehr bildhafte und unkonventionelle Weinansprache oft genug inspirierend und auf die eigene Wahrnehmung facettierend.

Das Büchlein selbst ist in einem Schmalformat gehalten, das die Mitnahme in den Weinhandel oder zum Winzer erleichtert, auch die für ein Taschenbuch -hier im engeren Sinn des Worts- robuste Ausstattung macht aus dem Weinführer weniger ein Studier-, als ein Praxisbuch. Eine Liste mit bekannten und nicht nur qualitativ, sondern auch mengenmäßig gut ausgestatteten (Versand-) Weinhandlungen in Deutschland unterstreicht diesen Anspruch. Bei Weingütern, für die eine solche Bezugsquelle im Handel nicht nachgewiesen ist, steht regelmäßig ein Telefon- und Emailkontakt, so daß die besprochenen Weine im Anschluß an die über weite Strecken sehr animierende Lektüre vom Leser in der Regel auch tatsächlich besorgt werden können. Irritierend ist, daß der Weinführer mit einer 2007 auf dem Titel lockt, Jahrgangsangaben aber im Innenteil spärlich sind und sich überwiegend auf mittlerweile nur noch schwer erhältliche Topjahrgänge der berühmteren Häuser beziehen. Der Leser bekommt bei der Lektüre also keinen Eindruck davon, wie ein spezieller Jahrgang, z.B. 2005 von einem speziellen Weingut interpretiert wird. Stattdessen scheint es Pigott darauf anzukommen, Lagencharakteristika oder wiederkehrende Eigenschaften der Gutsweine besonders empfehlenswerter Betriebe herauszuarbeiten. Wer auf der Suche nach besonders konsistenten Erzeugern ist, weil er Stammgäste für die Kellerbelegung sucht, wird in diesem Weinführer den wohl komprimiertesten, und wenn er auf die Weinansprache Pigotts kalibriert ist, auch wertvollsten Ratgeber finden.

Der Schwerpunkt des Weinführers liegt dabei, wie kaum anders zu erwarten, in Deutschland. Die illustren Namen der Szene finden sich mühelos, Dr. Bürklin-Wolf, Reichsrat von Buhl oder Freiherr Heyl zu Herrnsheim sucht der neugierige Leser aber leider vergeblich. Nun ist der Weinführer ausweislich seines Namens klein und mit gerade etwas mehr als 170 Seiten tatsächlich zur Beschränkung gezwungen; trotzdem ist zumindest interessant, daß etwa ein Ruppertsberger von Dr. Bürklin-Wolf nicht der Aufnahme für Wert befunden wurde.

Der Sache dieses, wie gesagt: höchst subjektiv gehaltenen Weinführers tut dies indes nicht Abbruch: interessant ist nämlich, von Stuart Pigott über seine Erfahrungen auch mit Supermarktweinen beispielsweise von Kaisers oder Rossmann aufgeklärt zu werden, wobei sich in manchem – nach wohl ganz überwiegender Ansicht: viel zu wenigen – Supermarktregal tatsächlich anständiger und genußfähiger Wein findet. Stuart Pigott informiert diskret und gediegen über seine Funde bei verschiedenen Discountern und großen Warenhäusern, was ebenfalls wohltuend ist. Das Interesse des typischen Weinkunden richtet sich nämlich eher sehnsüchtig nach Weinen jenseits der finanziellen Schallmauer und sucht mit großer Ausdauer im Preisbereich unter 20,00, besser noch unter 10,00 EUR pro Flasche, so daß auch hier dem Weinführer Realitätsnähe und echte Kundenorientierung attestiert werden kann.

Manchem Leser mag auch Pigotts Promibashing Balsam für den Seelenfrieden sein. Mouton, Pétrus, Sassicaia und Dom Pérignon bekommen allesamt ein wenig ihr Fett weg, ja schon die jeweilige Kapitelüberschrift “Die angebliche Wein-Weltspitze” läßt ahnen, daß es im Bereich jenseits der 50,00 EUR/Fl. wohl weniger zu ent-, als vielmehr aufzudecken gibt. Natürlich ist es aus diesem oder jenem Grund befriedigend zu lesen, daß Weine, die in der 2005er Subskription noch weit oberhalb der 300,00 EUR/Fl. lagen nicht immer halten, was die Marketingspezis versprechen; wenn aber Dom Pérignon als Geschmackslotto für Reiche und Angeber abgestraft wird, liegt das neben der Sache und zeigt, daß das Konzept des kleinen Weinführers Grenzen hat: dort nämlich, wo die bearbeitete Materie zu komplex wird, um sie in griffige und gleichzeitig zutreffende Formulierungen zu packen.

Wünschenswert für die nächste Ausgabe ist eine gründliche Suche nach -noch- unbekannten Qualitätserzeugern im Burgund, denn gerade hier lauern, wie Pigott selbst weiß und schreibt, unübersehbar und unüberschauber viele Gefahren. Mir will nicht einleuchten, warum das Weingut Knebel einmal Beate und dann Reinhard benamst wird (S. 94, bzw. 134), auch die Webadresse des Weinguts Siener hätte man richtig schreiben können, aber die Zahl der Schreibfehlerchen ist, verglichen mit der heute üblichen Quote verschwindend. Daß der Obsthof am Steinberg und Eric Bordelet als Obstweinmacher erwähnt werden, finde ich besonders schön, zumal deren Erzeugnisse absolut adäquat sind.

Insgesamt liegt dem kleinen genialen Weinführer ein großartiges Konzept zu Grunde, er ist handlich, praxistauglich, bodenständig, realitätsnah. Geschrieben ist er mit einer an Malerei und Kunstgeschichte geschliffenen, mühelosen Weinansprache, die auf den Punkt kommt – nicht immer auf den des Lesers, aber das Risiko nimmt Pigott zu Recht selbstbewußt in Kauf. Denn eines kann man ihm nicht absprechen: das leidenschaftliche Eintreten für das Gute – den bewußten Weingenuß.

Stuart Pigott
Stuart Pigotts kleiner genialer Weinführer 2007
Scherz Verlag
Frankfurt am Main, 2006
ISBN: 978-3-502-15048-0
9,90 EUR


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